Griechenland

Kokerei Hansa – Die Griechen

Wegen des sogenannten „Wirtschaftswunders“ wurden in Deutschland viele zusätzliche Arbeitskräfte benötigt. Um diese Lücke zu füllen wurden mit verschiedenen Staaten Anwerbeabkommen geschlossen (1955 Italien, 1960 Spanien, 1960 Griechenland, 1961 Türkei, später noch Marokko, Südkorea, Portugal, Tunesien und Jugoslawien). Diese Länder hatten in den meisten Fällen eher mit Unterbeschäftigung zu kämpfen und hofften auf Devisen. Das galt auch für Griechenland, welches zusätzlich eine engere Anbindung an die Europäische Wirtschaftsgemeinschaft (Vorläuferorganisation der Europäischen Union) anstrebte – und 1981 erreichte. Die ausländischen Arbeitskräfte wurden als „Gastarbeiter“ bezeichnet. Diese Bezeichnung sollte verdeutlichen, dass ein dauerhafter Aufenthalt in Deutschland nicht vorgesehen sei. Auch die meisten griechischen „Gastarbeiter“ planten zunächst meist keine Einwanderung nach Deutschland. Viele migrierten in ihr Herkunftsland zurück oder schickten ihre Kinder zu ihrer Verwandtschaft nach Griechenland.

In den 1960er Jahren arbeiteten Griechen in Deutschland vor allem in der Industrie. So unter anderem auf der Kokerei Hansa, wovon bis heute ein griechischsprachiges Schild in der Waschkaue zeugt. Aber auch die griechischen Frauen stellten keinen geringen Anteil an den griechischen Beschäftigten in Deutschland. So sollen laut Zeitzeugenberichten bei Hoesch in Dortmund Frauen als Kranführerinnen beschäftigt gewesen sein. Eine Arbeit, die hohe Konzentration über einen langen Zeitraum erforderte – eine Fähigkeit, die Frauen anscheinend eher mitbrachten als Männer.

Das Ruhrgebiet wurde als Industrieregion zu einem zentralen Ziel. Dies spiegelte sich auch in der Infrastruktur wider: 1963 wurde der „Hellas-Express“, eine Zugverbindung zwischen Dortmund und Athen, eröffnet. Dieser wurde nicht nur für die griechische Migration, sondern auch für den deutschen Tourismus nach Griechenland genutzt. Es formten sich auch bald verschiedene griechische Gruppen. 1961 wurde z.B. der Dachverband „Vereinigung der Deutsch-Griechischen Gesellschaften“ gegründet. Im selben Jahr öffnete die griechisch-orthodoxe „Kirche der Heiligen Apostel“ in Dortmund ihre Türen.

Der Übergang zu einer dauerhaften Einwanderung verlief fließend. Dies galt für „Gastarbeiter“ aus verschiedenen Ländern – die Bezeichnung begann, ihre Berechtigung zu verlieren. Gleichzeitig kamen von deutscher Seite kaum Angebote für eine Integration. Das mussten auch die Kinder der Eingewanderten erfahren, deren schulische Leistungen darunter litten, dass sie wenig Förderung für das Erlernen der deutschen Sprache erhielten. Erst Mitte der 1970er Jahre wurden etwa in NRW Modelle für bilinguale Grundschulen entworfen. Als deutlich wurde, dass viele „Gastarbeiter“ in Deutschland bleiben würden, kamen auch deutsche Ressentiments gegen „die Ausländer“ verstärkt zum Vorschein. Mit Vorurteilen hatten diese von Anfang an zu kämpfen, was unter anderem zu Schwierigkeiten auf dem Wohnungsmarkt führte.

Mit dem Rückgang des Industriebooms seit den frühen 1970ern arbeiteten immer weniger Griechen und Griechinnen in der Industrie. Viele gründeten eigene Gastronomiebetriebe, die sich auch bei deutschen Einheimischen großer Beliebtheit erfreuten. Sie waren nun weder „Gäste“ noch „Arbeiter“ mehr.


Quellen:
Lienau, Cay: 50 Jahre Anwerbeabkommen: Die griechische Gastarbeiterwanderung und ihre Auswirkung auf Herkunfts- und Zielgebiete, in: Hellenika, Jahrbuch für griechische Kultur und deutsch-griechische Beziehungen, Neue Folge 5, Münster 2010 S. 28-43.

Nikolaidis, Alexandros: Die griechische Community in Deutschland: Von transnationaler Migration zu transnationaler Diaspora, 2006. (Online-Ressource)

„Hellas-Express“, auf: https://de.wikipedia.org/wiki/Hellas-Express (abgerufen am 15.3.2020)

Dr. Marita Pfeiffer, Kokerei Hansa.