Russland

Privet Dortmund

Nach dem Fall des Eisernen Vorhangs zu Beginn der 1990er Jahre emigrierten verstärkt Menschen aus der ehemaligen Sowjetunion – besonders aus Russland – nach Deutschland und auch Dortmund. Es waren ganz verschiedene Gruppen, die eine neue Heimat suchten:

Viele von ihnen waren jüdischen Glaubens. Sie suchten in Deutschland Schutz vor Diskriminierung und Verfolgung. So ist es nicht verwunderlich, dass die jüdische Gemeinde Dortmunds seit den 1990er Jahren ein starkes Wachstum verzeichnen konnte. Nicht immer gestaltet sich die Integration der neuen Gemeindemitglieder leicht: Neben der Sprachbarriere stellte auch die praktische Religionsausübung zugewanderte wie einheimische Jüdinnen und Juden immer wieder vor Herausforderungen: Das Praktizieren des jüdischen Glaubens war in der ehemaligen Sowjetunion nur schwer möglich, den neuen Gemeindemitgliedern fehlte die Praxis in der Ausübung ihrer Religion. Sprach- und Integrationskurse sollten helfen, diese Schwierigkeiten zu überwinden.

Eine große Gruppe der aus Russland zugewanderten waren die Russlanddeutschen: Nachfahren der deutschsprachigen Siedler*innen, die vor hunderten von Jahren nach Russland ausgewandert waren. Sie waren meist katholischer oder protestantischer Konfession. Auch sie waren in der Sowjetunion Repressalien ausgesetzt, wurden als Faschisten betitelt. Ihre Ankunft in Deutschland und auch in Dortmund war nicht leicht. Denn hier galten sie als Fremde, als Russen. Sprachbarriere, Arbeitslosigkeit, soziale Deklassierung – all dies erschwerte und verlangsamte die Integration massiv. Heute gilt zumindest die Integration der jungen Russlanddeutschen als gelungen.

Neben Menschen jüdischen, protestantischen und katholischen Glaubens kamen auch viele russisch-orthodoxe Emigrant*innen nach Dortmund. Seit Jahrzehnten gab es in Dortmund bereits die russisch-orthodoxe Kirchengemeinde St. Georg. Sie war Teil der russisch-orthodoxen Auslandskirche. Zuletzt feierte ein Priester aus Köln in der evangelischen Kirche an der Jägerstraße, Ecke Bornstraße die Gottesdienste. 1995 verzog die St. Georg-Gemeinde nach Bochum und die Gläubigen mussten zur Ausübung ihres Glaubens pendeln. Priester Leonid Tsypin gründete 1997 in Dortmund die Russisch-Orthodoxe Kirchengemeinde mit Moskauer Patriarchat. Er konnte erreichen, dass die russisch-orthodoxe Gemeinde die griechisch-orthodoxe Kirche im Dortmunder Klinikviertel für ihre Gottesdienste benutzen durfte. An jedem ersten und dritten Samstag im Monat fand nun jeweils der Gottesdienst statt.

Seit dem Jahr 2004 hat die russisch-orthodoxe Gemeinde in Dortmund ein eigenes Gotteshaus. Durch den Ankauf eines Gemeindehauses in der Flurstraße 39 konnte hier ein Kirchenraum eingerichtet werden. Heute erfreut sich das Gemeindeleben eines regen Zulaufs: etwa 200 Menschen nehmen regelmäßig an den Gottesdiensten teil, darunter auch viele Menschen, die erst in Dortmund zur Religionsausübung fanden.

Auch in dieser Gemeinde zeigt sich, was immer wieder in der Geschichte vieler Migrant*innen zu beobachten ist: Das Gemeindeleben schlägt eine Brücke in die alte Heimat, stellt den Kontakt zu Menschen mit ähnlichen Schicksalen und gleicher Sprache her. Gleichzeitig erleichtert es die Ankunft in der neuen Heimat, verstärkt die Bindung an den neuen Ort und hilft, Phasen des Heimwehs zu überwinden.


Quellen
Panagiotidis, Jannis: Wer sind die Russlanddeutschen? auf: https://www.bpb.de/gesellschaft/migration/kurzdossiers/252535/wer-sind-die-russlanddeutschen (abgerufen am 5.5.)
Die russisch-orthodoxe Gemeinde in Dortmund, auf: http://www.nadegda.de/de/gemeinde/gemeindegeschichte.html (abgerufen am 5.5.)

Schlögel, Karl: Russen in Deutschland, auf: https://www.zeit.de/zeit-geschichte/2015/04/russen-in-deutschland-berlin-charlottenburg-russlanddeutsche-wuensdorf/komplettansicht (abgerufen am 5.5.)

Netzer, Katinka: 2. September 1956: Einweihung der Dortmunder Synagoge, auf: https://www.lwl.org/westfaelische-geschichte/portal/Internet/input_felder/langDatensatz_ebene4.php?urlID=608&url_tabelle=tab_websegmente (abgerufen am 5.5.)

Ingenhorst, Heinz: Die Russlanddeutschen: Aussiedler zwischen Tradition und Moderne, Frankfurt a.M./New York 1997.