Scharnhorst

Hallo Dortmund

Kurz vor dem Ende des Zweiten Weltkriegs begann für Millionen Menschen in den ehemaligen deutschen Ostgebieten und den deutschen Siedlungsgebieten in Ost- und Südeuropa eine jahrelange Odyssee durch Deutschland, die erst in den 1950er Jahren langsam ihr Ende finden sollte.

Die Menschen flohen vor der anrückenden Roten Armee, wurden nach Beschluss der Alliierten im Zuge einer sogenannten „ordnungsgemäßen Überführung“ aus Polen, Ungarn und der Tschechoslowakei nach Deutschland verbracht, oder unkontrolliert vertrieben. Nicht selten verloren sich Familien während der Flucht aus den Augen, sahen Kinder ihre Eltern erst nach Jahren oder gar nicht wieder.

Im Strom der Menschen, die später ins Ruhrgebiet kommen sollten, waren auch Menschen, die eigentlich hierher stammten und im Zuge des Krieges in den ländliche und vermeintlich sichere Gebiete evakuiert worden waren. So wanderten beispielsweise Familien zurück ins Revier, die vor dem Krieg in den Westerwald, an den Bodensee oder auch ins Sudentenland (Rumänien) verbracht worden waren.

In den deutschen Städten sah man sich nicht in der Lage, die Vertriebenen aufzunehmen. Dort hatte man selbst mit den Kriegsfolgen zu kämpfen: Wohnungsnot und Hunger waren an der Tagesordnung. Die Neuankömmlinge wurden so zunächst in Durchgangslager gebracht, wo man sich zunächst desinfizierte – eine Prozedur, die von vielen als extrem entwürdigend empfunden wurde – mit den Nötigsten versorgte und dann auf ländliche Regionen weiter verteilte. Willkommen waren sie dort nicht, im Gegenteil: In den Dörfern sah man sie oft als Gefahr an, sah die bekannten Strukturen durch die oft tausenden Neuankömmlinge bedroht.

Für die Städte des Ruhrgebiets bestand zunächst noch eine Zuzugssperre, die jedoch schnell aufgehoben wurde: Besonders im Bergbau benötigte man dringend Arbeitskräfte, um die man nun unter den Vertriebenen warb. Aber auch in den anderen Industriezweigen des Ruhrgebiets fanden bis in die Mitte der 1950er Jahre hinein Vertriebene und auch DDR-Flüchtlinge Anstellung. Über 1.1 Millionen Menschen kamen im Zuge der Fluchtbewegungen nach dem Zweiten Weltkrieg nach Nordrhein-Westfalen, 20% der westdeutschen Bevölkerung hatten in den 1960er Jahren einen Migrationshintergrund.

Die Wohnsituation war für viele Vertriebene in den ersten Jahren katastrophal: Nicht selten wurden sie in Sammellagern untergebracht, die sich in ehemaligen Bunkern oder Zwangsarbeiterunterkünften befanden. Dort lebten die Menschen auf engstem Raum zusammen, Privatsphäre gab es kaum.

Um Wohnraum sowohl für Vertriebene als auch für Alteingesessene zur schaffen, wurde ab 1952 in Scharnhorst die MSA-Siedlung errichtet. Ihr Name leitet sich von der „Mutual-Security-Agency“ ab, einem im Rahmen des Marshall-Plans entstandenen Amtes, das die Verwaltung der amerikanischen Unterstützungsgelder inne hatte. Neun Neubausiedlungen wurden so in Deutschland finanziert, unter anderem in Dortmund-Scharnhorst. Die Siedlung hat bis heute diesen Namen behalten. Neben 800 Eigenheimen und 521 Mietwohnungen entstand auch eine kleine Ladenzeile. Ab 1954 konnte die Siedlung bezogen werden. Schnell formierte sich ein reges soziales und kulturelles Leben mit Siedlerfesten und Akkordeonverein.


Quellen:

Peters-Schildgen, Susanne: Von Ost nach West: Migration ins Ruhrgebiet. Geschichte und Forschungslage, in: Kift, Dagmar; Osses, Dietmar (Hg.): Polen – Ruhr. Zuwanderung zwischen 1871 und heute, Essen 2007, S. 15-24.

Kift, Dagmar: Flüchtlinge, Vertriebene und Spätaussiedler 1945-1958, in: Kift, Dagmar und Dietmar Osses (Hg.): Polen – Ruhr. Zuwanderungen zwischen 1871 und heute, Essen 2007, S.57-65.

Kift, Dagmar (Hg.): Aufbau West. Neubeginn zwischen Vertreibung und Wirtschaftswunder, Essen 2005.

Kift, Dagmar: Aufnahme in Bergbau und Industrie. Zur Integration der Flüchtlinge und Vertriebenen im Zuwanderungsland Nordrhein-Westfalen in vergleichender Perspektive, in: Kraus, Maria (Hg.): Integration. Vertriebene in den deutschen Ländern nach 1945, Göttingen 2011, S. 120 – 147.

Koehn, Hermann-Ulrich: Protestantismus und Öffentlichkeit im Dortmunder Raum 1942/43 – 1955/56, Berlin 2008.

Geschichtskreis Scharnhorst (Hg.): Scharnhorst – Gestern und heute, Dortmund 1998.

Benz, Wolfgang: Kriegsziele der Alliierten, in: Informationen zur politischen Bildung, Nr. 259. Online: https://www.bpb.de/izpb/10044/kriegsziele-der-alliierten (abgerufen am 29.5.2020).

https://en.wikipedia.org/wiki/Mutual_Security_Agency (abgerufen am 28.5.2020).